Jobcenter Stadt Kassel: Menschen aus anderen Ländern erfolgreich integrieren

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Foto: Jobcenter Kassel

Ein erwachsener Somalier, der vor seiner Flucht nach Deutschland nie eine Schule besucht hat, erlernt in kürzester Zeit die deutsche Sprache – auch indem er Schlager hört. Nach vielen Stationen kommt er ins Jobcenter Stadt Kassel. Hochmotiviert nutzt er die Chancen, die ihm dort in Form des „Interkulturellen Fallmanagement“ geboten werden. Mit viel Fleiß und in engem Kontakt mit seinem Fallmanager holt er seinen Hauptschulabschluss nach und probiert sich in verschiedenen Branchen aus. Er will unbedingt eine Ausbildung machen. Schließlich empfiehlt ihm sein Fallmanager ein Praktikum in der Altenpflege. „Ich wusste nicht so genau, was auf mich zukommt“, sagt Ali Omar im Rückblick. Nach dem ersten Tag in der Seniorenresidenz Ambiente steht für ihn fest: „Das ist eine wichtige Arbeit. Irgendwann bin auch ich alt. Dann brauche ich vielleicht auch jemanden, der mir hilft.“

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Er absolviert die Pflegehelfer-Ausbildung und schließt sie mit Bravour ab. Dass er „als der schwarze Mann“ bei dem einen oder anderen pflegebedürftigen Menschen auf Vorbehalte stößt, stört den 31-Jährigen nicht weiter: „Ich weiß wie das geht mit Nähe und Distanz. Ich bleibe einfach freundlich.“ Und sein Charme wirkt. „Er ist ein echter Sonnenschein“, bestätigt der stellvertretende Residenzleiter Eugen Kretschmann begeistert. „Wir wissen, was wir an Ali Omar haben und bestärken ihn darin, jetzt auch noch die dreijährige Altenpflege-Ausbildung draufzusatteln.“

Das intensive Lernen ist eine besondere Herausforderung. Ali Omars Eltern sterben in den Wirren des Bürgerkriegs in Somalia, da ist der kleine Junge gerade mal vier Jahre alt. Seine Tante flieht mit ihm nach Südafrika. Dort wächst er in einem Slum auf. Wegen fehlender Papiere hat er nie eine Schule von innen gesehen. „Ich habe dort als Kind Besorgungen für Erwachsene gemacht und später unter anderem als Friseur gearbeitet.“ Dabei lernt er viele unterschiedliche Dialekte und Sprachen von Zulu bis Portugiesisch. Doch das alles ist nichts gegen die medizinischen Fachausdrücke in Deutsch, mit denen er sich in seiner Ausbildung herumschlagen darf. „Aber auch das bekomme ich hin“, meint er augenzwinkernd. „Dann muss ich eben etwas mehr lernen.“ Warum er nach Deutschland gekommen ist? Weil auch in Südafrika irgendwann der Bürgerkrieg tobt: „Wenn ich dort geblieben wäre, wäre ich jetzt tot“, ist sich Ali Omar sicher. Seine Tante hat einen Kanadier geheiratet und hat das Land ebenfalls verlassen.

Auf einem ganz anderen Weg ist der 32-jährige Familienvater Mohammad Khalid Walizada aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er hat als Dolmetscher für die Amerikaner gearbeitet und nutzt einen Aufenthalt der Truppe in Deutschland, um politisches Asyl zu beantragen. Er wird als Asylbewerber anerkannt und kann Frau und Sohn nachholen. „Am liebsten möchte ich bei Mercedes oder VW arbeiten“, sagt Mohammad Khalid Walizada seinem Fallmanager Bernd Czellnik im Interkulturellen Fallmanagement. Doch als sich dieser Weg nicht schnell genug öffnet, lässt auch er sich auf ein Praktikum in der Pflege ein in einer Einrichtung der AWO. Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss seiner Pflegehelfer-Ausbildung und liebäugelt ebenfalls damit, noch die Altenpfleger-Ausbildung zu absolvieren. Beide Männer sind sich einig: Für ihren Erfolg war es ganz wichtig, dass sie immer ihren Fallmanager im Hintergrund hatten. „Egal was ich für Fragen hatte, er hat mir immer zugehört und schnell geholfen. Es ist wichtig, dass jemand da ist, der hilft und der mich auch anspornt durchzuhalten und sich über meine Erfolge mit mir freut“, sagt Ali Omar.

Christian Nübling, Geschäftsführer im Jobcenter Stadt Kassel, betont die große Bedeutung des Interkulturellen Fallmanagements: „Wir haben schon sehr früh erkannt, wie wichtig ein gutes Angebot für Menschen mit Migrationshintergrund ist. Das Interkulturelle Fallmanagement ist für manche von ihnen der einzig funktionierende Weg in die Arbeitswelt. Die Integration in Arbeit ist immer ein gutes Fundament, um sich auch gesellschaftlich zu integrieren.“

So sieht das auch Sozialdezernentin Ilona Friedrich als Vertreterin des kommunalen Trägers des Jobcenter Stadt Kassel: „Rund 20 bis 25 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bisher durch die Arbeit des Interkulturellen Fallmanagements auf dem Arbeitsmarkt mit sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, Ausbildung oder auch Existenzgründung Fuß gefasst. Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Es ist für Menschen wichtig, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten zu können.“

Hintergrund Interkulturelles Fallmanagement

Menschen mit Migrationshintergrund brauchen oft eine gezielte Förderung. Im Jobcenter Stadt Kassel gibt es darum seit 2007 das „Interkulturelle Fallmanagement“ mit dem Kulturzentrum Schlachthof als Kooperationspartner.

Die intensive Betreuung ist auf Menschen zugeschnitten, die auf dem Arbeitsmarkt schwer Fuß fassen können. Geringe Kenntnisse der deutschen Sprache und kaum verwertbare Qualifikationen gehören zu den Hauptproblemen, dazu kommen Schwierigkeiten in beruflicher und sozialer Orientierung. In vielen Fällen gibt es weitergehende Probleme zum Beispiel Überschuldung oder psychische wie physische chronische Erkrankungen. Besonders schwer ist es für die Arbeitsuchenden und ihre Familien, wenn sie zusätzlich noch Traumata aus Flucht- oder Kriegserfahrungen zu bewältigen haben.

Die Kunst der kleinen Schritte

Die sozialpädagogisch ausgebildeten Expertinnen und Experten im Kulturzentrum Schlachthof gehen in vielen kleinen Schritten gemeinsam mit den Arbeitsuchenden. Das A und O ist der vertrauensvolle Kontakt zueinander. Mindestens zweimal im Monat gibt es persönliche Treffen. Das Angebot umfasst PC- und Bewerbungstraining, Gesprächskreise, Informationsveranstaltungen rund um die Arbeit, auch in Kooperation mit dem Arbeitgeber-Service des Jobcenter Stadt Kassel, bis hin zu Sprachtrainings oder Beratungen zur äußerlichen Erscheinung.

Zahlen und Fakten

Am 1. Februar 2018 ist ein neuer Durchlauf im „Interkulturellen Fallmanagement“ gestartet. Insgesamt stehen 200 Plätze zur Verfügung.

Vom 1. Oktober 2016 bis 31. Dezember 2017 haben 256 Kundinnen und Kunden das Angebot angenommen. Es gab es 46 Arbeitsaufnahmen – im strengen Sinne der „Integrationen“:

  • Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 15 Stunden und mehr
  • Berufsausbildung mit 15 Stunden und mehr
  • Selbständige Tätigkeit (15 Stunden und mehr)

Für 52 Frauen und Männer wurde der Weg in den Arbeitsmarkt und damit perspektivisch in eine auskömmliche Erwerbsarbeit durch die Aufnahme einer geringfügigen Beschäftigung erleichtert. 400- beziehungsweise 450-Euro-Jobs sind der umgangssprachliche Ausdruck für „geringfügige Beschäftigung“. Im Januar 2013 wurde die Grenze auf 450 Euro angehoben.

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