Mut-Tour in Kassel: Mit Tandem gegen Vorurteile

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Foto: Wirth

Sie radeln durch Deutschland, um für den offenen Umgang mit Depressionen zu werben. Nun hatten die sechs Fahrer des Teams 2 der Mut-Tour 2017 einen kurzen Aufenthalt in Kassel.

Die Depression als Erkrankung ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu-Thema. Sie ist hinderlich bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder beim Kontakt zu Kunden. Betroffene stoßen oftmals auf Unverständnis.

Die Mut-Tour ist ein Aktionsprogramm, das sich seit 2012 durch Deutschland bewegt und einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leistet. Bis 2016 haben 126 depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen über 22.000 Kilometer zurückgelegt. Bei der Mut-Tour in diesem Jahr kommen 3.200​ ​Kilometer hinzu. Vom 10. Juli bis 25. August sind die Teams wieder auf Tandems, in Zweier-​Kajaks ​und ​zu Fuß beim Wandern ​unterwegs. Die 45 neuen und alten Teilnehmer der diesjährigen MUT-TOUR erleben, wie Sport ohne Leistungsdruck in Kombination mit Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben können.

Ziel der Mut-Tour ist es, aufzuklären. Durch das offene Gespräche über Depressionserfahrungen sollen Menschen sensibilisiert werden. Die Perspektive ist es, einmal in einer Gesellschaft zu leben, in der sowohl betroffene als auch nicht-betroffene Personen angst- und schamfrei mit psychischen Erkrankungen umgehen können.

„Etwas tun, was mir gut tut“

Mit drei Tandems sind die sechs Fahrer der Mut-Tour am Montag in Hildesheim gestartet, wobei die eigentliche Tour in Bremen begann. „In Hildesheim war Personentausch“, erklärt uns Wolfgang K. Er ist bereits das zweite Mal dabei. Nachdem er zwei Jahre aufgrund seiner chronischen Depression fast völlig isoliert gelebt hatte, erfuhr er auf einem Patientenkongress von der Tour. Nach einem weiteren halben Jahr fand er den Mut, sich anzumelden. 2016 fuhr er das erste Mal mit und merkte bald, dass er wieder in der Lage war, Kontakte zu anderen Menschen aufzubauen. „In den guten Phasen etwas zu tun, was mir gut tut, statt über die Krankheit nachzudenken, ist der bessere Weg“, sagt er.

„Struktur schaffen“

Aber was genau bringt die Tour den Betroffenen? „Für depressiv Erkrankte ist es wichtig, eine Struktur zu haben“, wirft Bastian D. ein. Um sich aus einer Depression herauszuarbeiten, hilft es also, wenn man einen strukturierten Tagesablauf hat. Innerhalb der Gruppe hat jeder seine Aufgabe. Das reicht vom Zeltabbau bis hin zur Zubereitung des Frühstücks.

„Aufmerksamer mit den Mitmenschen umgehen“

Wie reagieren Menschen, wenn ein paar Tandemfahrer über Depressionen sprechen? „Erstaunlich offen, erstaunlich interessiert. Ablehnung gibt es so gut wie gar nicht. Es gibt Neugier“, sagt Wolfgang K. Dennoch stellen die Gruppen immer wieder fest, dass das Wissen über die Krankheit nicht sehr weit verbreitet ist. „Ich habe vor zwei Tagen einen der für mich schönsten Erfolge unserer Tour erlebt. Im Rahmen einer unserer Veranstaltungen sagte ein Mann, der vorher völlig blockiert hatte, nach zwei Stunden, dass er glaubt, er müsse ein wenig aufmerksamer mit den Menschen in seinem Umfeld umgehen, um das wahrzunehmen. Wenn das passiert, haben wir unser Ziel erreicht.“

Für documenta-Besichtigungen hatten die Teilnehmer bei ihrem Besuch in Kassel leider kaum Zeit. „Heute geht es noch weiter bis nach Rotenburg“, verabschiedet sich Wolfgang K. Na dann, gute Fahrt!

Die Mut-Tour gibt es seit 2012. Vier Teams touren immer gleichzeitig, davon zwei mit dem Tandem, ein Kajakteam sowie ein Wanderteam.

Weitere Informationen gibt es unter www.mut-tour.de

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